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Die Ausstellung Die Rache des Fotoarchivs,
Textbeitrag Joerg Bader (Kurator der Ausstellung)
Die 50JPG (50 Jours pour la photographie à Genève) sind eine Foto-Triennale die das Centre de la photographie Genève (CPG) 2003 intiierte.
An der Genfer Fototriennale beteiligen sich Genfer Institutionen aus den verschiedensten Gebieten, der Kunst, der Ethnologie oder den Naturwissenschaften. Die Ausstellungsorte sind Museen, Kunstzentren, alternative Kunstorte und kommerzielle Galerien für zeitgenössische Kunst.
Jede Triennale behandelt mit den Mitteln der Fotografie Fragen unserer Zeit, wie 2003 mit REPRÉSETNATION DU TRAVAIL/TRAVAIL DE REPRÉSENTATION Fragen der ästhetischen und politischen Repräsentation und der Repräsentation von Arbeit in demokratischen Gesellschaften; oder 2006, mit PHOTO-TRAFIC Fragen der Herkunft, der Manipulation und der Weiterverwendung von fotografischen Bildern im zeitgenössischen Medienfluß.
Jene Institutionen und Galerien die sich auf das vorgeschlagene Thema beziehen sind im Programm als “in”, die anderen, die ohne Bezug Fotografieausstellungen zeigen, sind als “off” aufgeführt. Das CPG stellt seinerseits die thematische Zentralausstellung zusammen, hauptsächlich im BAC (Bâtiment d’art contemporain) und auf mindestens zwei Stockwerken.
Die Rache des Fotoarchivs ist der Titel der diesjährigen zentralen Ausstellung. Davon ausgehend, daß die Fotografie ihre Respektabilität übers Archiv gefunden hat, stellt die Ausstellung einen Überblick zeitgenössischer Positionen in der Fotografie vor, die sich seit den siebziger Jahren mit dem Fotoarchiv auseinander setzen. Anbetracht der politischen Wichtigkeit eines Archivs, wird die Ausstellung Werke mit spezifisch politischen und sozialen Inhalten sein zeigen und so an die historischen Avantgarden anknüpfen. Sie kann ebenfalls als einen Versuch gesehen werden, die heutige Fotoproduktion mit den Mitteln der “Visual Culture” zu orten.
Das vom CPG organisierte Begleitprogramm sieht kommentierte Projektionen vor, Vorträge ein Symposium und ein Portfolio-Viewing.
Das Fotoarchiv im Programm der vergangenen 10 Jahre des CPG
Seit der neuen künstlerischen Ausrichtung des CPG im Jahr 2001 ist der Bezug zu den « Archivpraktiken » zeitgenössischer Künstler und Fotografen eine Konstante. So gab 2001 die erste Ausstellung des neuen Programms, « Häuser » von Bernd und Hilla Becher, gleich zu Beginn den Ton an. Weitere Ausstellungen mit Archivbezug folgten 2002 mit « Carambolages » von Arnold Odermatt, « Kinshasa » von Depara und « Lagos » von Paramount-Photographer LTD, 2004 mit « Chile. Años 60/70 » mit Patricio Guzman Campos und Louis Poirot sowie « Wohnzimmerprobleme » von Norbert Becwar, 2005 mit « Pierre Bourdieu en Algérie, un photographe de circonstance » sowie Denis Proteor mit « Tri des tournis » oder 2006 « Toutes les photographies d’une autre personne » zusammengetragen von Miriam Bäckström und Carsten Höller. Die Wahl der Künstler wie auch der fortwährende Bezug de Programms zum « Dokumentarischen Stil » untermauern das große Interesse des CPG für den « Archivismus » in der zeitgenössischen Fotografie seit Beginn dieses Jahrhunderts.
Jenseits der Gewohnheit und wider die anwachsende Ästhetisierung
Die Ausstellung DIE RACHE DES FOTOARCHIVS sprengt den Rahmen einer konventionellen Fotoausstellung. Wir situieren DIE RACHE DES FOTOARCHIVS im Feld der “Visual Culture”. In diesem Sinne sind nicht nur Fotografen und Künstler eingeladen, sondern auch Polit-Aktivisten wie Jacob Holdt der seine Bilder aus dem rassistischen Süden der USA in den 70er Jahren im Rahmen seiner Vorträge gegen Rassismus zeigt. Oder Meir Wigoder, dem als militanter Friedenskämpfer die besten Fotografien der Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland gelungen sind. In einem anderen Register, dem ethnologischen, hat Claudia Andujar, eine wichtige Serie von Bildern gemacht, die für eine Impfkampagne der Amazonas-Indianer des Stammes der Yanomami sehr wichtig war, visuell aber noch eine andere, ja gegenteilige Aussage haben.
Ganz im Sinne einer Praxis die auch in engen Kontakt zur Theorie steht, in diesem Fall der “Visual Culture”, werden auch zwei Kuratorinnen/Theoretikerinnen Beiträge in der Ausstellung präsentieren. Catherine David wird vielleicht eine Auswahl von Fotografien der « Fondation arabe pour l’image » zeigen und Ariella Azoulay stellt einen Teil aus ihrem Forschungsprojekt zur Besetzung Palästinas mit Fotografien aus dem Archiv des CIRC aus. Das CPG zeigte vor zwei Monaten ihre Ausstellung ACT OF STATE, die die Zeitspanne der israelischen Besetzung zwischen 1967 und 2007 zum Thema hatte.
Die Ausstellung DIE RACHE DES FOTOARCHIVS konzentriert sich auf den dokumentarischen Wert von Fotografien und nimmt klar Stellung gegen die fortschreitende Ästhetisierung einer gewissen oder so genannten Dokumentar-Fotografie. Ästhetische Aspekte überlagern immer mehr inhaltliche. Ein gutes Beispiel dieser seit 10 Jahren fortschreitenden Dekontextualisierung kann an Archiv-Fotografien beobachtet werden. Mit dem Zeitungssterben geht eine auch eine vehemente Vermarktung von Zeitungsarchiven und Bildagenturen einher. Das Verfahren, das Information zugunsten von Schönheit ausblendet ist den aus Kirchen entführten Altarbildern nicht unähnlich, die sich plötzlich nach der Französischen Revolution in den neu gegründeten Kunstmuseen wiederfanden. Es bleibt die Anhimmlung des Bildes und so dessen Verklärung. Die Wiederentdeckung des fotografischen Werks von Jacob Holdt vor drei, vier Jahren ist ein gutes Beispiel. Jacob Holdt greift in seinem Kampf gegen Rassismus auf eigene Fotografien zurück, die er dann als Dias während seinen Vorträgen projiziert. Im 2006 bei Steidl erschienen Buch wird jede Fotografie für seine « Fotografischen Qualitäten » auf der rechten Seite gefeiert, die linke bleibt leer. Im Gegensatz dazu war die Ausgabe Bilder aus Amerika, 1978 bei Rowohlt in Hamburg erschienen, um Information bemüht und mit viel Text versehen.
Ein anderes Anliegen des CPG liegt im Vermitteln der verschiedensten Produktions- und Ausstellungsformen. Insofern wird auch DIE RACHE DES FOTOARCHIVS andere Präsentationsformen annehmen als ausschließlich C-Prints hinter Glas oder Lambda auf Aluminium. So kann z.B. Roy Ardens The World as Will and Representation – Archive 2007, eine Folge von 28′000 Fotografien aus allen möglichen Internet-Foto-Archiven die in einer halluzinatorischen Geschwindigkeit vorbeiblitzen – nur auf einem ans Internet angeschlossenen Computer gezeigt werden. Eine wichtige und für ihre Geschichte entscheidende Präsentationsform der Fotografie ist das Buch. Die éditions Centre de la photographie Genève geben auf die Ausstellung hin die Serie Bogota D.C von Guadalupe Ruiz heraus. Die Serie wurde schon 2004 im CPG ausgestellt. Weiter beteiligt sich das CPG an einem Buch von Fiona Tan, das das Kunsthaus Aarau produziert und im August vorstellen wird. Armin Linke wird speziell fünf Bücher mit Fotos die er in Zypern in einem Archiv gefunden hat, produzieren. Einer klassischeren Präsentationsform bedient sich Lois Hechenblaikners für Hinter den Bergen. Die Doppelprojektion stellt seine Schnappschüsse jenen eines Agronom-Ingenieur-Archivs gegenüber. Lois Hechenblaikners findet für jedes Archivfoto eine formale Entsprechung im heutigen Tirol und so gelingt ihm eine hart Kritik der Ausbeutung der Alpen. Entschieden experimenteller ist Uriel Orlows Präsentationsform. Seit Jahren foto- und videografiert der Künstler Archive. Mit diesem Bildmaterial wird er anläßlich des Symposiums eine Performance zeigen.
DIE RACHE DES FOTOARCHIVS außerhalb des Ausstellungsraumes
DIE RACHE DES FOTOARCHIVS wird größtenteils im BAC gezeigt (Bâtiment d’art contemporain, wo Mamco, Kunsthalle, Fonds municipal d’art contemporain und CPG untergebracht sind). Die Ausstellung mit ihrem Archiv-Thema soll aber auch an konkrete Orte des Archivierens in der Stadt angebunden werden. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, nebst den 450 m2 Ausstellungsfläche im gesamten Erdgeschoß und im ersten Stock des BAC, auch andere Orte in der Stadt in die Ausstellung mit einzubeziehen. In diesem Sinne wird Catherine Gfeller ihre Arbeit mit Archivstücken der Télévision suisse romande (TSR) nicht nur im BAC, sondern auch im Hauptgebäude des Westschweizer Fernsehens zeigen, während die Fotografien von Mabe Bethônico, die werktätige Frauen in Bergbauberufen zeigen, im farbig gedruckten Magazin « World of Work » des International Office of Labor erscheinen werden. Auf diese Weise bereichert die Künstlerin ein schon bestehendes Archiv. Ariella Azoulay wird Ihre Nachforschungen zur Besetzung Palästinas, die sie auch im Archiv des Internationalen Roten Kreuzes geführt hat, als „Work in progress“ in der Ausstellung im BAC wie auch in der Bibliothek des ICRC zeigen.
Die Forschergruppe um Serge Margel, mit Claire de Ribaupierre, Christophe Khim und Marie Sacconi, unterstützt vom Schweizer Nationalfonds (SNF), wird sich mit Archiv-Theorien auseinandersetzen. Marie Sacconi wird sich in der von ihr kuratierten Ausstellung nicht nur auf das Archiv des Anarchismus in Lausanne beziehen, sondern selbst eine Arbeit zusammenstellen, die nach Ausstellungsschluß das Anarchie-Archiv bereichern wird. Diese Ausstellung wird in der Ausstellungshalle der Haute école d’art et de design (HEAD)« Live in your heads » (ehemals « Attitudes »), gezeigt. Die Forschungsgruppe, die zur HEAD zählt, einem der wichtigsten Partner des CPG in den letzten Jahren und besonders für die 50JPG 2010, wird zusammen mit dem CPG auch das Symposium D’UNE ARCHIVE À UNE AUTRE organisieren (4. und 5. Juni).
Internationale Ausstellungen der letzten Jahre die das Fotoarchiv zum Thema hatten
Ausstellungen die sich mit dem Archiv auseinandersetzten findet man in der Gegenwartskunst seit rund 15 Jahren wie z.B. « Deep Storage » in München 1997 oder « Interarchive » in Lüneburg 1999. Im Feld der Fotografie wurde das Thema erst kürzlich angegangen, zuerst mit « Recherche entdeckt! » 2004 in Esslingen, dann 2008 mit « Archive Fever » im l’ICP in New York, « De Orde der Dingen » im Muhka in Antwerpen und « Archivo Universal » im Macba in Barcelona. Die erstzitierte vereinigte alles was Rang und Namen im Feld von Video und Foto in der Gegenwartskunst hat. Sein Kurator, Okui Enwezor, orientierte sich an Jacques Derrida’s Überlegungen zum Archiv. In der Antwerpener Ausstellung verwies der Titel klar auf Michel Foucault, während in Barcelona mit dem « Archivo Universal » die Ambition für ein Weltarchiv klar hervorgehoben wurde. Archiv-Großprojekte und historische Fotoausstellungen die partiell wieder aufgebaut wurden und das 20. Jahrhundert geprägt hatten, standen im Vordergrund. Zudem erteilte das Macba zusammen mit dem historischen Stadtmuseum Barcelonas Aufträge für Serien über die Olympiastadt an bekannte Autoren wie Allan Sekula, Gilles Saussier und Andrea Robbins/Max Becher.
DIE RACHE DES FOTOARCHIVS wird sich klar von seinen Vorgängern unterscheiden in dem der politische Aspekt der Werke Ausschlag gebend sein wird. Die Ausstellung will sich in jene Geschichte einschreiben, die die historischen Avant-Garden wie der Dadaismus, der Konstruktivismus oder der Surrealismus geprägt hatten, mit ihrem Anspruch auf Veränderung des Lebens und insofern auch der gesellschaftlichen Bedingungen. Eigen ist DER RACHE DES FOTOARCHIVS das Bewußtsein der gescheiterten Utopien und der Verzicht auf Absolutheit und absolutem Purismus, doch bleibt der politische Ansatz im Feld von Gesellschaft und Kultur.
Historischer Prolog
Die Ausstellung DIE RACHE DES FOTOARCHIVS setzt sich aus zwei Teilen zusammen : Aus einem historischen Prolog mit Künstlern die in den 70er und 80 Jahren Pionierarbeit auf dem Gebiet des Archivs geleistet haben, wie Christian Boltanski und Hans-Peter Feldmann, den das CPG schon 2003 mit der Einzelausstellung L’ASSEMBLÉ NATIONAL im Rahmen der Grossausstellung REPRÉSENTATION DU TRAVAIL / TRAVAIL DE REPRÉSENTATION gezeigt hatte. Zum selben Zeitpunkt lancierten Chérif et Silvie Défraoui in der Schweiz ihr « Archive du future ». Silvie Défraoui war 2006 in der vom CPG organisierten Ausstellung PHOTO TRAFIC zu sehen. Weiter werden auch Jochen Gerz und, wir hoffen, auch Gustav Metzger mit die Shoah thematisierenden Werken vertreten sein. Die beiden Studentenfreunde vom San Francisco Art Institut, Larry Sultan und Mike Mandel, begannen Anfang der 70er Jahre in den Foto-Archiven unzähliger Unternehmen, Labors und Forschungsinstituten zu stöbern. Ihre « Ernte » veröffentlichten sie in dem Buch La « Evidence » das eine unverständliche, geheimnisvolle postindustrielle Welt darstellt. Leider ist Larry Sultan während der Vorbereitungszeit wie Ricardo Angel verstorben. Ricardo Angel ist heute für sich allein ein großes Kapitel der schwarz-afrikanischen Fotogeschichte und seine Fotografie ist eng mit seinem politischen Engagement verbunden. Nicht sind seine Fotografien ein Archiv der kolonialen Unterdrückung Portugals, Ricardo Rangel lernte auch vielen jüngeren Mitbürgern die Fotografie und war zu seinem Lebensende der Hüter des nationalen Foto-Archivs. Jean-Jacques Lebel begann Anfang der sechziger Jahre auf sich aufmerksam zu machen, gilt als erster Happening-Künstler in Europa, war 1968 in Paris und Frankreich militant aktiv und verzichte darauf während 15 Jahren auf jegliche künstlerische Aktivität. Er war Produzent für France Culture, berichtete unter anderem von den Arbeitskämpfen der selbstverwalteten Uhrenfabrik Lip und übersetzte Texte der Beat Generation. Selbst Autor, Ausstellungskurator und Sammler, wird Lebel im CPG sein Barrikadenbilder-Archiv zeigen.
Positionen aus der Gegenwart
Im Gegenwartsteil finden wir die selben Haltungen wie im Prolog: Politaktivisten und Fotografen die Archive mit ihren eigenen Bildern anlegen, Künstler und Fotografen die Archive mit vorgefundenen Bildern zusammenstellen und Künstler die mit bestehenden Archiven arbeiten oder noch spezieller, wie im Falle von Mabe Bethônico und Marie Sacconi, Künstlerinnen die bestehende Archive mit neuem Bildmaterial bereichern. Oder wie im Falle von Ursula Biemann, die Fotografien nur als Indexe für die Präsentation ihres Videoarchivs verwendet. Die Künstlerin hat während den vergangenen Jahren im Laufe ihrer künstlerischen Aktivitäten in den verschiedensten Kontinenten Interviews mit Betroffenen des internationalen Menschenhandels geführt. Susan Meiselas ist vor allem als engagierte Fotoreporterin bekannt, so z.B. ihre mehrmonatige Berichterstattung aus Nicaragua, aber auch mit banalen Themen wie amerikanische Pooltänzerinnen. 1991, während des ersten amerikanisch-irakischen Krieges, verweigerte die Fotografien den Einsatz an der Front und zog durch das irakische Kurdistan auf der Suche nach einer visuellen Geschichte des kurdischen Volkes. So entstand das erste Foto-Archiv für dieses in verschiedene Länder vertriebenen Volkes. Die Fotografin brachte alles in einem Buch zusammen, ergänzt mit ihren eigenen Fotografien aus Kurdistan. Martin Dammann stieß vor ein paar Jahren zufällig auf eine Foto-Serie die Soldaten der Wehrmacht während ihrer freien Stunden festhielt. Er stöberte weiter und hat inzwischen ein beachtlich-erschreckendes Archiv zusammengetragen, von feiernden deutschen Soldaten. Das CPG zeigte 2009 eine große Ausstellung von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige WONDER-BEIRUT. Die beiden libanesischen Künstler werden in LA REVANCHE DE L’ARCHIVE PHOTOGRAPHIQUE mit dem großen Buch vertreten “Image Latent/Journal d’un photographe“ vertreten sein, das den 1997 begonnen Zyklus eines imaginären, in die Kriegswirren verwickelten Fotografen beendet.
Jochen Gerz wird eine von der Polizei zensurierte Arbeit aus 1969 beisteuern. Die Arbeit von Edward Hillel, von privaten Fotoarchiven von Berliner Bürger ausgehend, schreibt sich ganz in die Linie des Erinnerns der Shoha von Künstlern aus dem Prolog wie, auch die Arbeit von Gustav Metzger ein. Rosangela Renno, in Rio de Janeiro lebend, verfolgt seit mehr als 10 Jahren eine ähnliche Arbeit in Brasilien. Sie bringt z.B. verdrängte Greueltaten der Regierung zurück an die Oberfläche des Bewußtseins, 25 Jahre nach dem Zusammenbruch der Diktatur. Für LA REVANCHE DE L’ARCHIVE PHOTOGRAPHIQUE zeigt sie abfotografierte weiße Rückseiten von Fotografien. Es sind historische Fotografien die während einem Streik aus dem Nationalmuseum gestohlen und leider nur teilweise wieder gefunden wurden. Marcelo Brodsky aus Buenos Aires hat während Jahren nach seinen ehemaligen Klassenkameraden gesucht, mit häufig als einzigem Ausgangspunkt eine Klassenfoto. Mit Text und Bild erzählt der Künstler auf diese Weise die schmerzhafte jüngste Geschichte Argentiniens. Dora Garcia, die seit geraumer Zeit in Brüssel lebt, aber unter Francos Diktatur in Spanien aufgewachsen ist, zeigt einen Teil aus der 2006 im Leipziger Kunstverein gezeigten Ausstellung «Zimmer Gespräche». Peter Piller aus Leipzig und Hamburg, bekannt für seine riesigen Fotoarchive die teils als Bücher bei « Revolver » verlegt wurden, erhielt anläßlich der Art-Basel den Preis des Versicherers «La Baloise». Für die ihm zugestandene Ausstellung kämmte der Künstler das 500′000 Bilder umfassende Archiv der Versicherungsgesellschaft durch. Davon hielt er 60 von Versicherungsagenten gemachte Amateurfotos zurück. Weil auf den Zeugenfotos beinah kein Tatbestand sichtbar ist, bleibt ein Gefühl des Absurden. Welches Land kann es sich erlauben, unsichtbare Allerkleinstschäden zu versichern? Das 2005 herausgegebene Buch hat denn auch den Doppeltitel: «Schaden nehmen» und «Schweizer Landschaften».
Joachim Schmid, seit den achtziger Jahren ein großer Sammler gefundener Fotografien, erst im öffentlichen Raum, dann im Internet, wurde einem größeren Publikum erst anläßlich der Rencontres d’Arles 2008 bekannt. Auch er ist wie Peter Piller ein leidenschaftlicher Büchermacher. Das CPG zeigte 2006 im Rahmen der Ausstellung PHOTO TRAFIC eine Arbeit von ihm. Vorgesehen in der Ausstellung ist die Fotografie-Sektion des « Folk-Archiv » von Jeremy Deller und Alan Kane. Die beiden haben über die Jahre hinweg Objekte und Bilder gesammelt, die das Mißtrauen der Bürger zum Staat in seinen verschiedensten Formen zum Inhalt hat.
Zusammenarbeit mit anderen Institutionen
Das CPG hat schon mit zwei Institutionen eine enge Zusammenarbeit vorgesehen. Zum einen wird das Musée d’ethnographie de Genève (MEG), nur 200 Meter vom CPG entfernt, eine grosse Ausstellung des Fonds Jacques Faublé zeigen. Zur wissenschaftlichen Aufarbeitung dieses 50′000 Bilder umfassenden Archivs mehrer Madagaskar-Missionen – Faublé arbeitete in den 40er bis 60er Jahren am Musée de l’Homme in Paris – erscheint ein Katalog, u.a. auch mit einem Textbeitrag des Direktors des CPG. Zum anderen wird Mabe Bethônico ihre Arbeit « The Collector » zu einem kleinen Teil in Vitrinen in der Ausstellung zeigen, und zum anderen, als Echo zur aktuellen Ausstellung im neuen Cabinet d’arts graphiques Genève «Estampes, multiples et dessins contemporains», werden alle Archivboxen von « The Collector » für das Publikum zur Sichtung bereit gestellt. Weiter werden im selben Gebäude zur selben Zeit zwei Künstler große Ausstellungen bestreiten, die z.T. auch das Thema des Fotoarchivs aufnehmen. Das Mamco zeigt in Gegenüberstellung zwei Künstlerarchive, jenes von Allen Ruppersberg und von Pascal Pino und das Centre d’Art Contemporain präsentiert Pauline Boudry und Renate Lorenz die sich für die gleichzeitige Erfindung der Sexualität/der sexuellen Perversionen und der Photographie wie auch des Films im 19. Jahrhundert interessieren und dies in Bezug zu einer kolonialen Ökonomie.
Katalog
Der Katalog wird auf ca. 200 Seiten jedem Künstler eine Doppelseite widmen. Ebenfalls in Katalog aufgenommen werden jene Künstler, die in anderen Institutionen oder in Galerien Ausstellungen zum Thema Fotoarchiv zeigen. Vorgesehen sind Textbeiträge u.y. von, Ariella Azoulay, Carles Guerra, Christian Huber-Rodier, , Loran Hegyi, Suely Rolnik und Hubertus von Amelunxen.


