PRESSEMITTEILUNG

Legendäre Gruber Library im zukünftigen
PhotoBookMuseum zu erleben

Als weltweit einziges Museum seiner Art konnte das PhotoBookMuseum gUG dank der ZeroFourFoundation gGmbH die „Gruber Library: Die Fotobuchsammlung von Renate und L. Fritz Gruber“ für seinen neuen Standort in Köln sichern. Dort wird diese internationale Sammlung mit circa 5.000 Fotobüchern, Ausstellungskatalogen, Pressepublikationen und Ephemera langfristig der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sie ist auf diesem Gebiet eine der bedeutendsten Sammlungen Europas. Diese Zusammenarbeit macht es möglich, dass die „Gruber Library: Die Fotobuchsammlung von Renate und L. Fritz Gruber“ konservatorisch gesichert, wissenschaftlich erschlossen und in ihrer Gänze erhalten bleibt. Der Bestand wird dauerhaft mit dem Namen Gruber verbunden bleiben. In einem Festakt am 19. August 2021 gab Renate Gruber die Übergabe und Zusammenarbeit offiziell bekannt.

Pressemitteilung- Gruber Library_ 19082021-phThe Gruber Library, Fotobücher A–K + Film, Arbeitszimmer L. Fritz Gruber / Foto: Frederic Lezmi
© ZeroFourFoundation gGmbH, 2021 / „Gruber Library: Die Fotobuchsammlung Renate und L. Fritz Gruber“

Der 19. August 1839 gilt als die „Geburtsstunde der Fotografie“. Denn an diesem Datum wurde in Paris eines der ersten fotografischen Verfahren, die Daguerreotypie, zur öffentlichen Nutzung freigegeben. Deshalb lud das Kölner Sammlerehepaar Renate und L. Fritz Gruber während vieler Jahre am 19. August in das Haus Gruber in Köln-Braunsfeld ein und prägte dadurch maßgeblich den Begriff des „Geburtstags der Fotografie“. Ein Anlass, zu dem Foto-, Literatur- und Kulturschaffende aus aller Welt anreisten. Auch deswegen wurde das Haus Gruber zu einem zentralen Treffpunkt der internationalen Fotoszene.

Offenes Haus für die Fotografie
Nach dem Tod ihres Mannes 2005 führte Renate Gruber die Tradition des offenen Hauses weiter – dieses Jahr ist es wieder so weit. Nicht nur der „Geburtstag der Fotografie“ wird gefeiert: Die „Gruber Library: Die Fotobuchsammlung Renate und L. Fritz Gruber“ kann als nationales Kulturerbe erhalten und im PhotoBookMuseum zukünftig für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Bestand gibt unschätzbare Einblicke in die Entfaltung der Fotografie im 20. Jahrhundert.

Genese der Gruber Library
Die Grubersche Bibliothek ist einzigartig, denn das Kölner Ehepaar erwarb die Werke nicht nach ihrem Kapitalwert, sondern sie entwickelte sich aus den globalen Arbeitsbeziehungen des Hauses Gruber mit Fotograf*innen, Kurator*innen, Wissenschaftler*innen und Autor*innen. Bei vielen Bänden handelt es sich um Schenkungen von befreundeten Fotograf*innen mit sehr persönlichen Widmungen anlässlich von Einladungen ins Haus des Ehepaars. Ein großer Teil dieser Arbeitsbibliothek besteht aus Fotobüchern – ein Format, dessen Bedeutung noch immer unterschätzt wird, doch das seit den Anfängen des Mediums für viele Fotograf*innen eine wichtige Ausdrucksweise ist.

Fester Standort für das PhotoBookMuseum
Der Bedeutung des Fotobuchs hat sich das PhotoBookMuseum verschrieben. Initiiert von Markus Schaden und Frederic Lezmi, ist das Museum seit 2014 fester Bestandteil der Kölner und der internationalen Szene der Fotografie. Es ist weltweit das einzige Museum, das sich gänzlich dem Fotobuch widmet und dieses Format einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Bisher ein mobiles Museum, ist das PhotoBookMuseum aktuell in intensiven Gesprächen mit dem Kölner Kulturamt über einen geeigneten festen Standort. Dort wird die Gruber Library mit Unterstützung der ZeroFourFoundation räumlich wie digital inszeniert werden. „Ideale Voraussetzungen für den Zugang zum Gruberschen Universum sind damit geschaffen“, erklärt Markus Schaden.

Zusammenarbeit mit der ZeroFourFoundation
Das PhotoBookMuseum wird bei der Arbeit mit der Sammlung ganz in Gruberscher Tradition auf die Weiterentwicklung fotografischer Netzwerke setzen, die Öffentlichkeit mit einbeziehen und global wie regional innovative Kooperationen mit anderen Kulturorganisationen eingehen. Die ZeroFourFoundation hat die Sammlung angekauft und wird sie dem PhotoBookMuseum zur musealen Vermittlung zur Verfügung stellen. Die Berliner Neugründung hat es sich zur Aufgabe gemacht, visuelle Kunst und Kultur zu fördern. Dabei liegen ihre Schwerpunkte auf der Förderung von wissenschaftlicher Forschung, Diversität und Interdisziplinarität in den visuellen Künsten. Digitale und auch kritische Inhalte sind aus der Zusammenarbeit mit dem PhotoBookMuseum zu erwarten – ein Ansatz ganz im Sinne von Renate und L. Fritz Gruber.

Fact Sheet:

  • Die Gruber Library als Sammlung von Fotobüchern, Ausstellungsund Auktionskatalogen, Pressepublikationen und Ephemera gehört zu den bedeutendsten auf diesem Gebiet weltweit. Sie umfasst ca. 5.000 Fotobücher aus Europa und den USA, aus Japan, der UdSSR und Russland, aus Israel, China, Indien und Südostasien, aus Süd- und Mittelamerika sowie der Türkei.
  • Die Signaturen und Widmungen in den Büchern reichen von Henri Cartier-Bresson bis zu Robert Frank, von Weegee bis zu William Klein, von Berenice Abbott bis zu Gisèle Freund.
  • Prof. Dr. hc. Leo Fritz Gruber (1908–2005) war Kurator, Publizist und Sammler. Sein Einfluss auf das Medium Fotografie und dessen Vermittlung ist weltweit anerkannt. Er war Mitbegründer der Fotofachmesse photokina und von 1950 bis 1980 Kurator der photokina „Bilderschauen“. Sein Name ist in Köln weiterhin sehr präsent: Die berühmte fotografische Sammlung der Grubers mit fotografischen Ikonen des 20. Jahrhunderts ging schon seit den späten 1970er Jahren an das Museum Ludwig. Erst im Juni 2021 weihte die Stadt L. Fritz Gruber zu Ehren eine Gedenktafel ein, die sich an dem nach ihm benannten L.-Fritz-Gruber-Platz beim Kunstmuseum Kolumba befindet. Renate Gruber (*1936) pflegt und verwaltet die Fotobibliothek seit den 1970er-Jahren und setzt als Netzwerkerin, Beraterin und Stifterin das gesellschafts- und kulturpolitische Engagement des Hauses Gruber bis heute fort.
  • Dr. Bernd Fechner übernahm vor einigen Jahren mit seiner Berliner Agentur photomarketing.de in enger persönlicher Abstimmung mit dem Haus Gruber die Erschließung, Erfassung und gutachterliche Bewertung des Buchbestandes. Er gilt als einer der Architekten der Zusammenarbeit zwischen dem Haus Gruber, der ZeroFourFoundation gGmbH und dem The PhotoBookMuseum gUG.

Grubber

PRESSEBILDER

Bilder zum Download bei Picdrop*:
https://www.picdrop.com/photobookmuseum/5RzwagiAWy

Die Verwendung der zur Verfügung gestellten Pressebilder im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die „Gruber Library: Die Fotobuchsammlung Renate und L. Fritz Gruber“, das PhotoBookMuseum und die ZeroFourFoundation ist frei.

Das Bildmaterial darf nur einmalig und nur im Rahmen der Berichterstattung verwendet werden. Bitte beachten Sie den vollständigen Copyright-Vermerk. Das Copyright liegt ausschließlich bei der ZeroFourFoundation gGmbH. Nach Gebrauch sind die Daten von allen Speichermedien zu löschen.

Alle Bilder sind deutlich, ausnahmslos und vollständig mit folgendem Copyright zu kennzeichen:

© ZeroFourFoundation gGmbH, 2021
„Gruber Library: Die Fotobuchsammlung Renate und L. Fritz Gruber“

Wir bitten um Zusendung eines Belegexemplars an:
The PhotoBookMuseum gUG, Körnerstr. 6–8, 50823 Köln
oder per E-mail an: press@thephotobookmuseum.com

*Es gelten die Datenschutzbestimmungen der Picdrop GmbH, Am Treptower Park 28–30, 12435 Berlin.

WEBSEITEN
www.zerofourfoundation.com
www.thephotobookmuseum.com
www.photomarketing.de/en/news/the-gruber-library-2

PRESSEKONTAKT
Für The PhotobookMuseum:
Markus Schaden

+49 171 483 24 44
press@thephotobookmuseum.com

Für das Haus Gruber:
Dr. Bernd Fechner

+49 176 973 112 70
b.fechner@photomarketing.de

Zeitgenössische Kunst in Iran. Vorstellung der Planung des Projekts mohit.art. Sauerlandtheater, Arnsberg veranstaltung im Rahmen des Kultursommers Arnsberg. 15 Uhr. 20. Juni – 20. Juni 2021

Shahab Fotouhi, Ohne Titel, Inkjetdruck, 2015. Thorn in the Eye, Bone in the Throat, Galerie O, Teheran, 16. – 28. Oktober 2015 © Der Künstler
Shahab Fotouhi, Ohne Titel, Inkjetdruck, 2015. Thorn in the Eye, Bone in the Throat, Galerie O, Teheran, 16. – 28. Oktober 2015 © Der Künstler

Vortrag und Gespräch mit Hannah Jacobi, Bernd Fechner und Lydia Korndörfer (Kunstverein Arnsberg).

Zeitgenössische Kunst in Iran
Immer wieder zieht Iran vor allem durch Nachrichten zum Atomstreit, zu US-Sanktionen, oder zu propagandistischen Äußerungen seitens der iranischen Regierung hierzulande die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Auch die persische Kultur, die heute noch in den Kulturstätten des Landes sichtbar wird, ist berühmt und wird von Reisenden aus Deutschland und aller Welt gewürdigt. Doch wie steht es um die moderne und zeitgenössische, jüngere Kultur und Kunst? Die bewegte iranische Geschichte im 20. und 21. Jahrhundert ist von radikalen Modernisierungsvorhaben und politischen Umschwüngen geprägt, die sich auch in der bildenden Kunst niederschlagen. Wie stellt sich die zeitgenössische Kunst dar und was sind ihre Themen? Wie gestaltet sich das Verhältnis der Kunstszene zu den politischen Vorgängen und wie die Abgrenzung zwischen unabhängiger und offizieller Kunst? Welchen Einfluss hat die wechselvolle Geschichte der Kunst in Iran von frühen Modernisierungsbestrebungen über die Kunst der iranischen Revolution bis hin zur neuen, globalen Ausrichtung junger Künstler*innen in der Reformära auf die gegenwärtige Kunstproduktion? Der Vortrag mit anschließendem Gespräch wird diese Fragen und Themen vorstellen und diskutieren. Dabei steht nicht die Betrachtung einer „Kunst der Anderen“ im Vordergrund, sondern eine Geschichte der Begegnungen, Verknüpfungen und des Austauschs innerhalb des globalen Zusammenhangs. Zugleich wird erstmals das Projekt mohit.art von Bernd Fechner und Hannah Jacobi präsentiert, eine digitale Plattform und ein Netzwerk, das Zusammenarbeit, Austausch und Dialog zwischen den Kunst- und Kulturschaffenden in Iran und Deutschland und darüber hinaus zwischen den Kunstkontexten im Nahen und Mittleren Osten und in Europa initiiert, realisiert und unterstützt.

Die Veranstaltung findet als Kooperation zwischen der Stadt Arnsberg, dem Kunstverein Arnsberg und mohit.art im Rahmen des Arnsberger Kultursommers statt.

Hannah Jacobi ist Kunsthistorikerin und Autorin mit Schwerpunkt auf der globalen Kunst, wobei sie hauptsächlich zur zeitgenössischen Kunst in Iran arbeitet.
Dr. Bernd Fechner arbeitet mit seiner Agentur photomarketing.de international von Berlin und Köln als Netzwerker und Publizist, Veranstaltungs- und Kulturmanager.

Vom 14. Juni bis 12. Juli 2021 bietet die Buchhandlung Sonja Vieth in Arnsberg anlässlich dieser Veranstaltung Literatur an, die vertiefende Einblicke in die Geschichte und Gegenwart nicht nur der Kunst in Iran ermöglicht. Darunter findet sich auch Hannah Jacobis Buch Stimmen aus Teheran. Interviews zur zeitgenössischen Kunst im Iran (Edition Faust, 2017), das einen Überblick über die Gegenwartskunst in Iran und ihre Geschichte und darüber hinaus Einsichten in die Arbeitsräume und das Leben der Künstler*innen und Kulturschaffenden in Teheran bietet. Zusätzlich wird eine kleine Auswahl künstlerischer Plakate von Ausstellungen, Kunst-Festivals, Theaterstücken und Filmen aus den 1960er und 70er Jahren in der Buchhandlung zu sehen sein: seltene Gelegenheit, einen Blick auf die vorrevolutionäre, genre-überschreitende Kunstszene in Iran, die hierzulande nahezu unbekannt ist, zu werfen.

Sankt Peter in Sankt Peter. Die Rombilder von Lothar Wolleh

© Lothar Wolleh, St Peter (Orte des Lichts), 1974, 100 x 100 cm @ Lothar Wolleh Estate, Berlin-2
© Lothar Wolleh, St Peter (Orte des Lichts), 1974, 100 x 100 cm @ Lothar Wolleh Estate, Berlin

© Lothar Wolleh, Petersplatz, 1974, 160 x 160 cm @ Lothar Wolleh Estate, Berlin
© Lothar Wolleh, Petersplatz, 1974, 160 x 160 cm @ Lothar Wolleh Estate, Berlin

© Lothar Wolleh, St Peter (Orte des Lichts), 1974, 100 x 100 cm @ Lothar Wolleh Estate, Berlin
© Lothar Wolleh, St Peter (Orte des Lichts), 1974, 100 x 100 cm @ Lothar Wolleh Estate, Berlin

Im Rahmen der Reihe TURM-RAUM-KUNST sind nahezu unbekannte Fotografien des Berliner Fotografen Lothar Wolleh (1930–1979) zu sehen. Wolleh, der v.a. durch seine zahlreichen Künstlerporträts der 1960er/70er Jahre bekannt ist, war 1962 bis 1965 offizieller Fotograf des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom. 1975 erschien sein Bildband “Apostolorum Limina” zu den Feierlichkeiten des Heiligen Jahres. Aus diesem Konvolut zeigt die Kunst-Station Sankt Peter Köln die atmosphärischen, oftmals abstrakten Aufnahmen, in denen Wollehs spirituelle Dimension einer nahezu mythischen Verehrung des Lichts spürbar wird.

Kunst-Station Sankt Peter Köln
Leonhard-Tietz-Str. 6
50676 Köln

Künstler:in
Lothar Wolleh

Dauer
21.05. – 20.06.2021

Vernissage
23.05.2021
13.15 h – 15.00 h

Öffnungszeiten
Mittwoch – Sonntag
12 – 18 Uhr
jetzt geschlossen

weitere Veranstaltungen
Kunstgespräch zur Ausstellung mit Oliver Wolleh
30.05.2021
13.15 h – 15.00 h

Kunstgespräch zur Ausstellung mit Bernd Fechner
06.06.2021
13.15 h – 15.00 h

Internet
www.sankt-peter-koeln.de

Bonusmaterial
www.lothar-wolleh.com

VISUAL ART IN IRAN

EIKON_Visual Art in Iran

Versuch einer Orientierung
Bernd Fechner

Der westliche Blick
Traditionen der Ausblendung

Wo fängt man an, wenn man etwas über den Iran sagen will, die Kunstszene dort und die Fotografie? Schließlich betritt man ein weites Feld. Es geht um vieles. Atombomben, Erdöl, Religion, Menschenrechte, das Kopftuch, die Persistenz kolonialer Perspektiven, Wirtschaftssanktionen und schließlich bedrückend aktuell: Krieg und Frieden.
Jüngst beschäftigte ich mich ausgiebig mit der Bibliothek von Leo Fritz (1908–2005) und Renate Gruber. In seinen Funktionen für die Kölner Messegesellschaft, die photokina, die Deutsche Gesellschaft für Photographie und als Ausstellungsmacher prägte Fritz Gruber bis in die späten 1980er Jahre die Wahrnehmung der Fotografie des 20. Jahrhunderts, deutschlandweit ebenso wie international. Kaum ein Museumsdirektor oder Kurator weltweit – für Fotografie gab es die noch kaum – war derartig vernetzt und auf Reisen. Der Buchbestand der Grubers spiegelt die Geschichte des Mediums wider: in Fotobüchern aus Europa, den USA, aus Japan. Aber eben auch aus der UdSSR, aus China, Indien, Israel, Südostasien, Süd- und Mittelamerika und der Türkei. Darunter jedoch kein einziges Buch über oder aus dem Iran.
Diese Auffälligkeit bestätigt sich beim Blick in die 2004 und 2006 erschienenen Bände The Photobook: A History von Gerry Badger und Martin Parr: Der Iran kommt darin schlicht nicht vor. Gleiches in den bisher unübertroffenen Standardwerken von Hans-Michael Koetzle: Das Lexikon der Fotografen. 1900 bis heute, 2002, Fotografen A–Z, 2011, und Augen auf! 100 Jahre Leica, 2014. Nehmen wir ein weiteres Werk, eine Generation früher: Helmut Gernsheim, Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre, Propyläen Kunstgeschichte, 1983. Überall Fehlanzeige, nirgends auch nur das Stichwort „Iran“. Gab es denn dort keine Fotografie?

Persische Fotografie des 19. Jahrhunderts

Doch, es gab und gibt dort viel – und zwar bereits sehr früh, in außerordentlich reichen Beständen. Die Dichte der persischen Fotografie des 19. Jahrhunderts verdankt sich dem Umstand, dass kurz nach Bekanntwerden des technischen Verfahrens die Fotografie gewissermaßen von höchster Stelle eingeführt wurde: Noch vor dem Beginn seiner langen Regentschaft, als junger Mann, wandte sich Nāser ad-Din Schāh (1831 1896) mit Begeisterung dem neuen Medium zu. Die Fotografie wurde zum allgegenwärtigen Hobby des Monarchen und seines Hofs, und sie begleitete ihn auf allen Reisen innerhalb und außerhalb des Reichs. Teheran wurde ab den 1870er Jahren lukratives Zentrum einer sich rasch entwickelnden Fotobranche, auch für Fotografen aus dem Ausland. Allen voran für Antoin Sevruguin (gest. 1933). Er stammte aus
einer russisch-georgisch-armenischen Familie, brachte es zum Hoffotografen und war ein kluger Unternehmer, der den Europäern ihre Klischee Bilder des Orients lieferte, für Reisende ebenso wie auch durch Verträge mit westlichen Presseagenturen. Auch der Thüringer Ernst Hoeltzer (1835–1911) verbrachte sein Leben fotografierend im Iran. Hauptberuflich Telegrafeningenieur und Hochschullehrer in Isfahan, hinterließ Hoeltzer tausende von Glasplatten, deren Aufnahmen für iranische Publikationen zusammengetragen wurden.

Eikon-01-ed
ANTOIN SEVRUGUIN
Detail aus
Early Photography of Iran, 1880–1930
S/W-Glasplattennegativ
13 x 17,7 cm

Die heutigen historischen fotografischen Bestände des Teheraner Golestān-Palasts umfassen mehrere zehntausend Objekte. Es handelt es sich um eines der größten Archive der Welt für die Fotografie des 19. Jahrhunderts. Ebenso zeigt das 1995 gegründete Fotografiemuseum Teherans alte Kameraund Fototechnik, sich im Iran entwickelnde Fotopublizistik, frühe Fachbücher und historische Alben.
Bekanntlich wurde auch am Hof von Queen Victoria andauernd fotografiert. Ihr Mann, König Edward, hegte ein großes Interesse an Kameras. Undenkbar im prüden Europa jener Jahre wäre allerdings die intime Offenheit, mit der die Fotografie Persiens höchst private Einblicke liefert: Aufnahmen von Harems, Festen, dekorierten Diplomaten, von Frauen untereinander. Schon immer standen in Persien nicht nur die Männer hinter den Apparaten.
Die iranischen Bestände bieten nicht nur reichlich Material zur Fotogeschichte. Sie sind Quellen historischer und mentalitätsgeschichtlicher Fragestellungen, etwa zur Entwicklung der Geschlechtsidentitäten im Zuge zunehmender Europäisierung. Wegweisend in den Gender und Queer Studies ist die 2004 erschienene Studie der US-Iranerin Afsaneh Najmabadi, Women with Mustaches and Men without Beards: Gender and Sexual Anxieties of Iranian Modernity, die anhand der Auswertung fotografischen Materials darauf verweist, dass die Ideale der Schönheit während der Kadscharenzeit nicht den Normen des biologischen Geschlechts unterworfen waren. In diesen Zusammenhängen ist auf jüngere Arbeiten von Fotohistorikerinnen, vor allem der US-Amerikanerin Staci Gem Scheiwiller und der derzeit in der Schweiz lehrenden Elahe Helbig, zu verweisen. mehr

1. Siehe „Weiterführende Literatur“, S. 71.

 

The Gruber Library

A unique Treasure of Photography
in the 20th Century
Appraisal by Dr. Bernd Fechner

As in no other epoch, images shape the perception of the world. Photography became a key medium along with film, television, the internet and smartphones. It is the theme and object of science, the art world and the art market. Not only that, it determines all areas of life and culture, globally for all people, especially the youth. Never before have so many images been captured, consumed and distributed as today. The emerge of photography during the 20th century is reflected in the photographic Library Gruber.

Prof. Dr. Leo Fritz Gruber (Cologne, 1908 – 2005) was instrumental in shaping the discussion on the possibilities of photography throughout the span of the second half of the twentieth century. Gruber became in Germany – since 1959 together with his wife Renate Gruber (born 1936) – as well as internationally a singular special case of a globally networked institution.

The photo collection of the couple, whose beginnings go back to the pre-war period, forms today as „collection Gruber“ at the Cologne Museum Ludwig, one of the most important European holdings for photography of the 20th century. Already in 1977, 800 photographs were acquired by the city of Cologne. At that time this was an unusual event, because never before had an art museum in Germany bought such a photo inventory. Another 2500 deductions were received in 1995 as a foundation of the couple. The manuscripts and professional records were successively transferred after the death of Fritz Gruber in 2005 by Renate Gruber in the Historical Archive of the City of Cologne. It is unclear to what extent these archives survived the destruction of the archive in 2009.

In a different and more comprehensive way than the photo collection and archival materials, the Gruber Library not only documents the global activities and working methods of the couple, but also the history of photography as a whole. It contains about 10,000 objects. The preservation of the Gruber Library – especially the photobook section – is a task of national importance.

Gruber’s outstanding role is explained by the combination of several circumstances. As a young journalist, the native of Cologne took a committed part in the cultural development and the artistic avant-garde of the Rhineland. Gruber’s enthusiasm for photography, photographers and their work is documented early on. He photographed himself, August Sander and the Cologne Dadaists form a circle, Gruber collects photographs and wrote about them. After the establishment of the National Socialist Rule, the 26-yearold emigrated to London, worked in the advertising industry, continued to photograph and publish, learned English and made contacts. In 1938 he was a participant in a study tour of the German advertising industry in the USA lasting several weeks.

Internationality, attractiveness, charming, stylish and confident appearance, the revival of the Cologne trade fair and the West German photo industry predestined him in the early post-war years for a far-reaching task: the development of the Cologne photokina, the world’s leading photo event. Gruber combined the concept of an industry fair with his far-reaching idea of international photo exhibitions, the picture shows. What Arnold Bode created for contemporary art with the construction of the documents in Kassel, Gruber made for photography. The first photokina took place in May 1950. Its success gave him a permanent position at the Cologne trade fair company. He skillfully interlinked the commercial interests of the trade fair company with those of the photographic industry, the lively interest of the public and – above all – with the exhibition needs of the photographers. In addition, in 1951 Gruber became the leader in the founding of the „German Society for Photography“, as its executive chairman, vice-president and honorary president, for more than half a century.

As part of the rapid internationalization of photokina, Gruber is responsible for all of its areas. Since 1960, he has been exclusively responsible for its cultural section as curator of around 300 international exhibitions with numerous catalogs and book publications. Fritz Gruber was always proud to keep the catalogues free of commercial advertisements.

Germany of the post-war period and especially Cologne offered ideal conditions. Gruber, left-liberal freethinking democrat – especially without a brown past – became international ambassador of the young Federal Republic, Europe-wide, in America and in Asia: by order of service mostly in the acquisition of exhibitors, because the photo industry boomed. At the same time, this enabled him to meet photographers everywhere he knew or had heard of them, saw photos or received a book.

The participation in Gruber’s BILDERSCHAU, the „photo shows“ of the photokina and the culture prizes of the DGPh will soon be among the world’s most prestigious awards for photographers. The postman always brought new photos from all over the world and – above all – books.
In 1959, after the death of his first wife, Gruber married Renate Busch, almost thirty years his junior – a woman endowed with all the charms of youthful beauty, keen intellect, and a cloying joke. She speaks English as well as fluent Italian and French. From then on, both formed a successful work team, with public appearances, constantly in contact with photographers and artists, the young and the old. Photography jet set, probably unparalleled worldwide today. Renate Gruber played a key role in the expansion and maintenance of the network, in correspondence, as a co-author of joint publications and in the expansion of the book and photo collection.

Gruber’s worldwide scope and budget for exhibition and publication projects far exceeded the possibilities of museum directors, exhibition curators, historians, journalists and, last but not least, photographers. The overwhelming role of the Gruber in photography was all too clear to contemporaries in Germany, Europe, the US and Japan. On the other hand, it may come as a surprise that no biographical or academic review of this special case of a global photography entrepreneur exists until today.
The academic exploration of the history of photography and the science of the pictures are relatively new disciplines, but, like the art history as a whole, their interest has so far mainly focused on artists and photographers, schools and styles as well as hermeneutical questions of image theory. So far, science has hardly been interested in the role of mediators between artists or photographers, journalism, commerce and cultural institutions.

Gruber Library_AppraisalPrint_image-01
Henri Cartier-Bresson, Images à la Sauvette, Edition Verve, Paris, 1952

Gruber Library_AppraisalPrint_image-02
Jean-Louis Barrault, Johannes Maria Hoeppner, (2nd ed.) Hamburg, n.y.

Gruber Library_AppraisalPrint_image-03-03
Cecil Beaton, The Face of the Word, Weidenfeld & Nicolson, London, 1957

Gruber Library_AppraisalPrint_image-04
Exemplary stamp in:
Robert Frank, The Americans, Grove Press Inc., New York, 1959

Gruber Library_AppraisalPrint_image-05
Weegee, Weegee by Weegee, Ziff-Davis-Publishing, New York, 1962

Gruber Library_AppraisalPrint_image-06
Brassaï, Brassaï, Editions Neuf, Paris, 1952

Gruber Library_AppraisalPrint_image-07
Will McBride, Zeig Mal Mehr!, Beltz, Weinheim/Basel, 1988

Gruber Library_AppraisalPrint_image-08
William Klein, Rome, The Viking Press, New York, 1959

Gruber Library_AppraisalPrint_image-09
Yousuf Karsh, Portraits of Greatness, Thomas Nelson & Sons, n.y.

Gruber Library_AppraisalPrint_image-10
André Kertész, On Reading, Grossman, New York City, 1971

Gruber Library_AppraisalPrint_image-11
Robert Doisneau, Instantanés de Paris, Arhaud, Paris, 1955

Gruber Library_AppraisalPrint_image-12
Irving Penn / John Szarkowski, Irwing Penn, Museum of Modern Art, New York, 1984

Gruber Library_AppraisalPrint_image-13
Helmut Newton, White Women, Roger & Bernhard, München, 1976

Bibliothek Gruber

Ein einmaliger Bestand zur Fotografie des 20. Jahrhunderts

Dokument_2021-06-15_Bibliothek Gruber

Die Sammlung Gruber ist in Fotografiekreisen legendär. Prof. Dr. L. Fritz Gruber (Köln, 1908 — Köln, 2005) und seine Frau Renate Gruber (geb. 1936 in Köln) haben sich früh der Fotografie verschrieben, als das Medium hierzulande nur für wenige als sammlungswürdig galt. Bereits im Jahr 1977 kaufte das KöIner Museum Ludwig 800 Werke aus der Sammlung an, später kamen 2.500 weitere Fotografien als Schenkung dazu. Den dokumentarischen Nachlass der Familie Gruber, darunter 14.000 dokumentarische Fotografien (beschriftet: wer, wo, wann, warum) sowie zahlreiche Manuskripte und Briefe, hat Renate Grubner nach dem Tod ihres Mannes an das Historische Archiv der Stadt Köln übergeben. Diese Dokumente fielen im März 2009 dem Einsturz des Historischen Archivs zum Opfer. Was davon noch gerettet werden kann, ist bis heute nicht geklärt.

Dagegen blieb die Bibliothek im Haus der Grubers in KöIn. Konkret sind das ca. 4.000 Fotografiebücher sowie Bücher zur Kunst und Kultur, zur Geschichte des Rheinlands und der Stadt Köln, Reiseliteratur und Belletristik. Bernd Fechner hat mit seiner Agentur photomarketing.de den Bestand umfänglich erfasst. Gemeinsam mit Renate Gruber und Bettina Gruber, Tochter aus L. Fritz Grubers erster Ehe, sucht er nun eine passende Institution zur langfristigen Sicherung.
„À Monsier Gruber, bien cordialement“ signierte Henri Cartier-Bresson sein Buch „lmages à la Sauvette“, William Klein schrieb „to Fritz and Renate Gruber, come with me to Rome, sweet Rome — with great sympathy & friendship“ in sein Buch, Karl Steinorth signierte: „Fritz— in Erinnerung an den 7.6.79 in Stuttgart, Karl“ und Will McBride schenkte 1991 sein Buch „Zeig Mal!“ mit der Widmung „Für Renate — mit dem besten Dank für den langen schönen Abend an Fritzes 83ten Geburtstag. Ich war froh dabei gewesen zu sein und kann nur mein so bescheidenes Buch als Trost & Rat hinterlassen mit viel Liebe“. Es lassen sich zahlreiche Geschichten in diesen Bücher finden, was zeigt, dass die Bibliothek Gruber mehr ist als eine Ansammlung von Büchern.

Ziel ist es daher, dass die Bibliothek als Ganzes erhalten, konservatorisch gesichert, wissenschaftlich und bibliografisch erschlossen sowie Interessenten und Historikern zugänglich gemacht wird. Priorisiert wird eine Institution in Deutschland bzw. im Rheinland, aber für Bettina und Renate Gruber ist das nicht zwingend. Wichtig ist, dass die Bibliothek weiter mit dem Namen Gruber verbunden ist und damit an prägende Persönlichkeiten der Fotografiegeschichte erinnert wird. L. Fritz Gruber begründete die photokina-Bilderschauen und sorgte am Vorabend der ersten photokina im Jahr 1951 für die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Zusammen mit seiner Frau Renate baute er ein internationales Netzwerk auf, das von beiden liebevoll gepflegt wurde. Dabei wuchs die Bibliothek kontinuierlich und weist heute wertvolle Stücke auf. Bei der Erfassung hat Bernd Fechner auch Erhaltungszustände der einzelnen Bücher und individuelle Wertermittlungen berücksichtigt.
A.G.

PHOTONEWS
ZEITUNG FÜR FOTOGRAFIE
C 3107
Nr. 3/19
März 2019
31. Jahrgang

Das zeitlos Gültige in der zeitgenössichen Kunst

Vor genau 100 Jahren, im Januar 1917, erschien in Berlin erstmals die von Paul Westheim herausgebene Monatszeitschrift DAS KUNSTBLATT. Ihr Anspruch war es innerhalb der zeitgenössischen Kunst dem zeitlos Gültigen zur Wirkung zu verhelfen. Westheims Kunstblatt war bis 1933 schlechthin “das” zentrale Medium zur Kunst und Kultur der Weimarer Epoche. Gestalterisch und inhaltlich ist die Qualität des Kunstblatts von der heutigen Kunstkritik leider nur selten übertroffen. Westheim wurde 1886 in Eschwege geboren. Nun liegt erstmals eine Biografie Westheims vor, wie er folgenreich die Entwicklung der Neuen Kunst begleitete und ermöglichte.

Westheim Cover

Im Zentrum von Westheims Schaffen stehen nicht nur der Expressionismus, Maler, Fotografen und Bildhauer, sondern Architektur, Fragen des sozialen Wohnungsbaus, der moderne Film wie auch die Werbung oder Fragen des Kunstmarkts. Eng waren die Freundschaften besonders mit Wilhelm Lehmbruck und Oskar Kokoschka. Neben eigenen Büchern, die er regelmäßig schrieb, war Westheim auch verlegerisch tätig als Initiator innovativer Fotobildbände. Nicht nur die schiere Menge seiner Texte aus sechs Lebensjahrzehnten ist gewaltig. Er war eine der profiliertesten Persönlichkeiten, gleichermaßen im Kunstbetrieb, wie auch in der demokratischen Kultur Deutschlands. In Allem verfolgte er ein dreifaches Ziel: den Lesern die Berührungsangst vor der Kunst zu nehmen, ihnen die Augen zu öffnen für die ganze Welt und zugleich den humanen Anspruch der Moderne für alle Bereiche des Lebens geltend zu machen.

Oskar Kokoschka, zu dem der Kritiker bereits 1918 ein erstes Werksverzeichnis publiziert hatte, schrieb 1963 über Westheim: “Eine Säule war er in einer Zeit wenn alles wie Fließsand schob und dem Druck nachgab. Ein Seher war er, ich spreche nicht allein von mir, aber ihm ist es zu danken daß heute fast jedes zweite Buch das erscheint, ein Bilderbuch ist, nicht allein in Deutschland, überall, zum Beispiel in London, wo vor seiner Reihe der Kunstbücher „Orbis pictus“, etwa vor vierzig Jahren kein einziges Buch über die Kunst, sei es die Europas oder die aus anderen Kontinenten, zu sehen war. Heute gibt es mehr Kunst-Bilderbücher als trockene Kunstabhandlungen, selbst in Deutschland dort. Er hat die Welt in Bildern sehen gelernt […] Noch weiß man von diesem Verdienst Westheims nicht genug und man wird ihn richtig ehren, bis man ihn ganz begriffen haben wird.”

Westheims Interesse blieb nicht fokussiert auf Deutschland. Enge Bindungen gab es nach Paris. Seine Arbeit begriff er als Beitrag zur Völkerverständigung: „Europa, Europa“ lautete der emphatische Titel eines seiner Werke zwischen dem Wahnsinn zweier Weltkriege. Sein Eintreten für Demokratie und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus kosteten ihm fast das Leben, nicht aber seinen Verstand und Schaffensdrang. Seine späten, umfangreichen Arbeiten zur alten Kunst Mexikos danken ihm nicht nur Amerikaner bis heute. 30 Jahre nach seiner Flucht vor Hitler kehrte Westheim noch einmal für eine Vortragsreise aus Mexiko zurück nach Deutschland, wo er am 21. Dezember 1963 in Berlin plötzlich verstarb.

Das Buch von Bernd Fechner in Zusammenarbeit mit York-Egbert König vom Stadtarchiv Eschwege zeichnet im Rückgriff auf viele bisher unpublizierte Originalquellen den Lebensweg dieses bedeutenden Kunstschriftstellers und Netzwerkers.

Verlagsinformation

Matinee zur Eröffnung des Europäischen Monats der Fotografie

Hans-Jürgen Raabe – 990 Faces
Sonntag, 2.Oktober, 13:00 Uhr

Die Fotohistorikerin Dr. Elke Tesch im Gespräch mit Hans-Jürgen Raabe. Es werden die neuesten Publikationen vorgestellt – mit Buchsignierung.

990 FACES ist ein konzeptuelles und globales fotografisches Langzeitprojekt, dessen Vollendung sich über nicht weniger als ein gesamtes Jahrzent erstrecken wird. Seit 2010 bereist der Fotograf Orte aller Kontinente. Die Hälfte des Projektes ist nun fertiggestellt.

Der Kurator und Autor Hans-Michael Koetzle schreibt: “Die Koordinaten sind klar: 33 Orte, 30 Gesichter – an ebendiesen Orten aufgenommen. Dazu eine handelsübliche Kleinbildkamera, verfügbares Licht, das Moment des Zufalls, der nicht geplanten Begegnung mit Fremden im öffentlichen Raum. Die ‘Agora’ als Marktplatz, an dem in diesem Fall nicht Waren, sondern Blicke getauscht werden. Seit mehreren Jahren verfolgt der deutsche Fotograf Hans-Jürgen Raabe, ein ehrgeiziges, fast enzyklopädisches Projekt. Menschen möchte er porträtieren. Spontan, ungestellt, ohne Plan im Sinne einer Typologie, vielmehr offen für alle möglichen Spielarten menschlichen Daseins – jung, alt, schön, gezeichnet, wach, verträumt, skeptisch oder ausgeglichen. Informationen zu Alter, Herkunft, Religion, Beruf, Vermögen, Zielen, Träumen gibt es keine. Stattdessen die Einladung an den Betrachter, fremde Menschen ganz einfach anzusehen: unbegrenzt, unzensiert, vorurteilsfrei.[…]

Bereits hat das – keineswegs abgeschlossene – Projekt von Hans-Jürgen Raabe international Beachtung gefunden. Galerien, Museen etwa in Köln (The PhotoBookMuseum), Berlin (Galerie Photo Edition) oder Istanbul (Museum für Fotografie) haben Ausschnitte aus seinem Projekt ‘990 Faces’ gezeigt. Keine Frage: Hans-Jürgen Raabe vertritt eine Position innerhalb der zeitgenössischen Fotokunst, die zu den eigenwilligsten und spannendsten gehört. Ein Werk, das oszilliert zwischen Spontaneität und konzeptioneller Rückbindung, enzyklopädischer Breite und selbstgesetzten Grenzen, purer Augenlust und einer über ‘große stille Bilder’ vorgetragenen Frage: Wo steht und wohin geht der Mensch?”

PHOTO EDITION BERLIN
Galerie und Verlag für Fotografie
Ystaderstr.14a
D – 10437 Berlin

FAZ, 4.8.2016: Muss die Kunstwelt gerechter werden?

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„H_V_L – CUTS“ 2016
Porträt einer Flusslandschaft
von Götz Lemberg

Gemeinsame Eröffnung 3. August, 19 Uhr:
Stadtgalerie Werder
Uferstraße 10
14542 Werder (Havel)

Begrüßung durch:
Schirmherr, Staatssekretär Martin Gorholt,
Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur
des Landes Brandenburg.
Ministerialdirektor Reinhard Klingen, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur.
Landrat Wolfgang Blasig, Landkreis Potsdam-Mittelmark.

Eröffnungsrede:
Dr. Christiane Stahl,
Leiterin Alfred Ehrhardt Stiftung Berlin

Ausstellungsdauer:
3. August bis 4. September 2016

Ausstellungsorte:
Stadtgalerie „Kunst-Geschoss“ Werder
Kunstverein KunstHaus Potsdam e.V.
Stiftung Preussische Schlösser und Gärten, Schloss Caputh
Galerie Kirche Petzow, Landkreis Potsdam-Mittelmark
Galerie Töplitz, Havel-Land-Art e.V.
St. Marien-Andreas-Kirche Rathenow

Öffnungszeiten:
Do, Sa, So 10 bis 18 Uhr
(Darüber hinaus individuelle Zeiten)

Ansprechpartnerin/Träger:
Doris Patzer, Kulturreferentin, Landkreis Potsdam-Mittelmark

Im kommenden August lockt das Havelland vor den Toren Berlins sommerliche Besucher, Kunstinteressierte, Fotofreunde, Radfahrer und Bootsfahrer mit einer besonderen Attraktion. An insgesamt sechs historischen Standorten entlang des Flusslaufs der Havel zeigt der Künstler Götz Lemberg „H_V_L-CUTS”, das groß angelegte fotografische Portrait einer Flusslandschaft.

Jede Region hat eine Lebenslinie. Sie prägt und bestimmt die Landschaft und ihre Bewohner. Für das nordwestliche Brandenburg ist diese Prägung sogar in den Namen eingegangen: „Havel Land“. Die Havel ist ein stiller Fluss, elegisch bis zur Melancholie. Sie durchschneidet nicht das Land, durch das sie fließt, sie umspielt es mit vielen Armen. In der direkten Umgebung der deutschen Hauptstadt bildet sie einen Raum fast unliebenswürdiger Strenge. Die herbe Schönheit ihrer Landschaft ist oft eine Liebe des zweiten Blicks.

Seit den Anfängen der Fotografie sind Landschaften eines ihrer großen Themen. Dabei gibt es sehr unterschiedliche Ansätze ihrer künstlerisch-fotografischen Darstellung. Götz Lembergs Projekt nähert sich dem Havelland mit stiller Unaufdringlichkeit. Die Fotografien zeigen Bilder eines Landschaftsraumes, der uns seltsam vertraut und zugleich unergründlich fremd erscheint. Sie folgen dem ruhig strömenden Flussverlauf von Potsdam bis zur Elbmündung. Dabei entstehen Lembergs Aufnahmen aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Sie sind aus der Sicht des Flusses aufgenommen: Die Havel schaut gewissermaßen zurück. Auf der Länge der Unteren Havel hat Lemberg in Abständen von einem Kilometer fotografische Schnitte „Cuts“ durch die Landschaft gezogen. Anschließend setzte er diese fotografischen Schnitte in seinem Studio wieder neu zusammen. Dadurch kombiniert Lemberg Idylle und reglementierte Natur, lässt die Elemente gegeneinander antreten und treibt Wasser und Himmel bis in quasi monochrome Abstraktionen.

Die Fotografie Lembergs, seine „Cuts” und noch mehr seine „Combines” verweigern sich der Typologisierung. Der Betrachter wird gleichsam zum Flaneur zwischen Unberührtem und Geschaffenem, dem Erhabenen und dem zufällig Hingeworfenen, zwischen Fremdheit, Schönheit und Verletztheit dieser Landschaft. Mit Lembergs Porträt des Havellands entstand eine einmalige Reflexion über die Identität dieser Region. Zugleich stellt sie die Frage nach der Wahrheit in der Fotografie.

Im Sommer 2016 wird das umfangreiche Porträt an zentralen Kunst-Orten entlang der Havel zu sehen sein. Diese Route entlang der Havel ist zugleich eine Reise durch die Region und ihrer Geschichte. Sie verbindet zwei Landkreise und die Landeshauptstadt Potsdam, Kirchen, Denkmäler und Schlösser. Sie führt vom Kunstverein KunstHaus Potsdam über die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Schloss Caputh, die Kirche Petzow, die Stadtgalerie Werder, die Havel-Land-Art e.V. Galerie Töplitz bis zur St. Marien-Andreas-Kirche in Rathenow. Vorhandene Radwege schaffen eine Entdeckerroute und integrieren sich in das touristische Angebot der Region.

Thematisch führt die Ausstellung „H_V_L-CUTS” die Auseinandersetzung mit dem Havelland nach der Bundesgartenschau 2015 fort. Erstmals stand nicht eine Stadt, sondern eine ganze Region im Zentrum der Ausstellungen. Die BUGA 2015 zählte mehr als 2 Millionen Besucher.

Das Projekt wird unterstützt durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, das Ministerium für ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg, die Mittelbrandenburgische Sparkasse Potsdam sowie die Landkreise Potsdam-Mittelmark und Havelland.

Götz Lembergs fotografischer Ansatz entstand aus der Auseinandersetzung mit dem Medium Licht. In zahlreichen Lichtinstallationen und prämierten öffentlichen Arbeiten (u.a. Kunstmuseum Stuttgart; Akademie der Künste, Berlin; Internationales Beethovenfest, Bonn) hat er das Zusammenspiel von Licht und Farbe untersucht. In seinen fotografischen Arbeiten setzt er diese Untersuchung fort. In den letzten Jahren entstanden umfassende Werkreihen zu den Themenkomplexen Stillleben und Lichtreflexionen. Sie waren zuletzt in der Galerie Michael Schultz, und KunstbüroBerlin zu sehen.